OK, Internet funktionierte nur mal kurz, deswegen sende ich den Bericht wieder über Kurzwelle. Der Ausfall des Autopiloten war echt der Hammer. Alle anderen Dinge traten deswegen in den Hintergrund. Nicht mehr die fliegenden Fische die elegant zwischen meterhohen Wellen gleiten, nicht mehr der Besuch der Delfine die sich wie verrückt um unser Boot tollen und nicht mehr die spektakulären Schauspiele aus Wolken, Wasser und Licht konnten uns von diesem Problem ablenken. Allenfalls für Sekunden Ablenkung reichte es. Also, 214 nm vor Barbados fiel der Autopilot aus. Alles was auf hoher See an Reparaturmöglichkeiten vorhanden ist, war etwa eine Stunde nach Auftreten des Fehlers ausgeschöpft. Also bleibt uns nur selber zu steuern. Nun segelten wir vor dem Wind, bei 2m bis 3,50m Wellen die von hinten auf das Schiff zu rollten. Für einen Rudergänger eine harte Aufgabe, denn bei jeder Welle versucht das Schiff nach einer Seite wegzurollen, es muss gehalten und gegengelenkt werden. Ein kleiner Fehler und die gefürchtete Patenthalse passiert – zwar entschärft durch den Bullenstander aber dannach macht es Arbeit, des Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Da uns bewußt war, dass wir jeder ca. 15h am Ruder stehen würden, war uns diese Sache zu gewagt. Lieber gleich die Segel runter, Motor anschmeißen und so schnell es geht die Meilen abschrubben. Das haben wir dann gemacht, mit bis zu 10kn auf den Wellen surften wir Richtung Barbados. Jeder eine Stunde, dann Wechsel. Am Ende können wir sagen, dass diese Strategie aufgegangen ist – auch wenn es uns mental und physisch an Grenzen gebracht hat. Barbados tauchte gegen 3:00 Uhr Ortszeit aus dem Dunst, erste unbewegliche Schleier im Mondlicht, dann Lichter – zwischendurch verdunkelt von durchziehenden Regenfronten. Mit der Dämmerung erreichten wir die Südspitze worauf wir Kurs auf Bridgetown setzen konnten. 2 große Kreuzfahrtschiffe liefen von Westen auf das große Hafenbecken der Insel zu, wir von Süden. Gegen 6:30 riefen wir Port Control und meldeten uns an. Wir erhielten sofortige Erlaubnis in den Hafen einzulaufen, die Kreuzfahrer waren inzwischen fest. 2 Männer winkten uns heran und nahmen unsere Leinen entgegen. Ganz am Ende des Beckens lagen wir direkt vor so einem schwimmenden Hochhaus. Die Hafenmauer ist für Segelboote viel zu hoch, ohne Kletterei kamen wir gar nicht an Land. Die Männer vom Zoll waren allerdings gerade mit den Kreuzfahrern beschäftigt, weswegen ich vor einem verschlossenen Büro stand. Aber es dauerte nicht lange, dann kamen sie wieder und wir konnten mit der Anmeldung beginnen. Am Ende war ich in drei Büros (customs, immigration und health) wobei in jedem erneut Crewlisten auszufüllen waren und jeweils ein eigenes Formular – immer mit den gleichen Daten. Blöd, das ich unsere Crewliste nicht ausgedruckt hatte – ein Tribut an den ausgefallenen Autopiloten. Aber es ging am Ende schnell, alle waren freundlich, keine Probleme und keine Gebühren. Beim Auschecken werden wohl 50 USD fällig. Die arbeiten hier noch wie in den 70ern, mit viel Papier, computerlos und Durchschlagpapier. Einmal habe ich ein neues Durchschlagpapier bekommen, das Herausholen und Glätten des zerknitterten Blaupapiers war ein wohl zelebriertes Ereignis im grauen Büroalltag – ja auch in der Karibik sind die Bürojobs langweilig. Danach schnell noch ein paar Fotos und ab in die daneben liegende Ankerbucht. Der Anker hielt nicht gleich, erst beim 2. Versuch. Dann 50m Kette raus, eine Kleinigkeit essen und ab in die Kojen. Nur Ben war ausgeschlafen, er hat sich eben einen Film zu Ende angeschaut und danach wunderbar selbst beschäftigt, so das wir ein wenig Schlaf nachholen konnten. Marlies Hände und Füße sind geschwollen und tun ihr weh, Ralf hatte sich die Wade gestoßen und dort die meisten Probleme. Aber in ein paar Tagen wird das alles vergessen sein. Nach dem Schlaf gabs dann Kaffee und Stollen, wir begannen etwas aufzuräumen und inzwischen ist die Sonne untergegangen, wir relaxen jetzt ein wenig im Cockpit und realisieren welchen großen Schlag wir heute beendet haben. Am Ende waren es 2106nm, 16 Tage auf See, an den meisten Tagen hatten wir 6 oder mehr Windstärken, Wellen bis 4m, ungezählte Squalls und Regenfronten, die erste Woche war am Leichtesten, die letzten 28h waren die Härtesten die wir je auf dem Schiff hatten. Morgen wird das Beiboot aufgebaut und wir sehen uns die unmittelbare Umgebung an. Wahrscheinlich gehen wir gleich morgens einmal eine Runde schwimmen, das Wasser ist klar und hat 31°C – da muss man ja fast reinspringen. Vor uns ist gleich ein weißer Strand – das werden wir uns morgen natürlich auch ansehen. Klar ist das wir ohne funktionierenden Autopiloten nicht weiter fahren werden. Da lassen wir auch die Silvesterparty in den Grenadinen sausen. Und eine Alternative als Ersatz muss her, vielleicht ein Radpilot, den man montiert wenn es nötig sein sollte. Vielen Dank für die vielen Glückwünsche und Emails die uns erreicht haben. Es war auch unterwegs sehr angenehm eure Post zu erhalten. Wir haben uns oft über die Kommentare und ihre Schreiber und die „alten Zeiten“ unterhalten. Fotos gibts später, wir müssen uns erstmal um’s Internet kümmern.

7 Kommentare
  1. torsten
    torsten sagte:

    Wir haben alle mitgefiebert und sicherlich waren unsere Gedanken oft bei euch, aber vor der Katastrophe ( Ausstieg Autopilot ) hat es euch nicht bewahrt, wir hatten dieses Problem vor Bornholm – ja ein lächerlicher Vergleich, aber ein wenig können wir es dann doch nachvollziehen, wie bescheiden das ist, wenn einer immer an der Pinne stehen muss. Um so mehr freuen wr uns dass ihr es so souverän geschafft habt. 16 Tage ist echt ein super Wert. Wir hatten gedacht, dass ihr wenn dann Heilig Abend ankommt.
    So, nun noch mal von hier aus– wunderschöne sonnige Feiertage– für euch Gebirgsländler eine neue Erfahrung, badet schön, und erholt euch von dem Törn.

    Anja& Torsten

    Antworten
  2. Michael Weißbach
    Michael Weißbach sagte:

    Hallo Ihr 3 ,
    schön zu hören ,dass Ihr gut angekommen seid. Wir haben mit viel Interesse eure spannenden Berichte gelesen und verfolgt. Allerdings kann man sich trotz der umfangreichen und super bildlichen Reiseberichte sicherlich nicht im Entferntesten vorstellen was Ihr erlebt und durchlebt habt. Unser größter Respekt für eure Leistung !
    Vielen Dank auch für die liebe email von Bord. Die Umrüstung unserer Ladenbeleuchtung muss noch warten …. vielleicht auch auf Euch !
    Wir wünschen Euch viel Spaß , weiterhin tolle Erlebnisse und alles Gute und natürlich
    ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein paar geruhsame und erholsame Tage in
    der traumhaften Karibik !
    Wir sind stolz auf Euch und Eure Leistung !
    Liebe Grüße aus Thalheim , die Weißbachs

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  3. Beate Meischner
    Beate Meischner sagte:

    Ufffffff jetzt sind wir aber alle dankbar und froh !!!! ihr ward ganz oben auf meiner „Bügel-Liste“ ! Nun genießt die Vorweihnachtstage und seid gesegnet .Ganz lieb eure noch Reichenbacher

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  4. Peje
    Peje sagte:

    Mein Glückwunsch zum erfolgreichen Landfall. Ok, im Zeitalter der elektronischen Satelliten-Navigation ist das kaum mehr ein Thema.
    Geniest das Gefühl des „Angekommen sein“, und ruht euch von den Strapazen, vor allem von jenen der letzten Tage aus. Das schöne warme Wetter und karibisches Flair hilft da ungemein.

    Ich dachte ihr seid mit einer mechanischen Windfahnen-Selbststeueranlage unterwegs.
    Wäre das jetzt, nach der negativen Erfahrung mit dem Autopiloten, nicht die richtige Wahl?

    Antworten
  5. Elisabeth Vogel
    Elisabeth Vogel sagte:

    Halleluja! Das klingt aufreibend…dann wünsche ich euch jetzt eine wirkliche Ruhezeit zum Regenerieren und schnelle Heilung!
    Liebe Grüße,
    Elisabeth

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